Genialer Trick: Karnevalshasser verkleidet sich als "schlecht gelaunter Spießer" und gewinnt Kostümwettbewerb
Paulik & Reisch
Satire-Magazin

KÖLN / DÜSSELDORF / WUPPERTAL. Es ist der wohl unwahrscheinlichste Triumph in der Geschichte des rheinischen Frohsinns. Torsten G. (44), passionierter Bilanzbuchhalter und bekennender Gegner jeglicher Heiterkeit vor 18:00 Uhr, hat am Sonntagmittag völlig unfreiwillig den ersten Platz beim prestigeträchtigen Wettbewerb "Das Goldene Narrenzepter" gewonnen. Sein Erfolgsgeheimnis: Er ging einfach als er selbst – miesepetrig, genervt und in beige gekleidet. Die Jury feierte ihn als "Visionär der Anti-Comedy".
Der Tathergang: Ein Sonntagsspaziergang mit Folgen
Eigentlich wollte Torsten G. nur kurz zum Bäcker. Es war Sonntagvormittag, der 15. Februar 2026. „Ich wusste nicht, dass der Veedels-Zoch diesmal eine andere Route nimmt“, erklärt der 44-Jährige sichtlich traumatisiert unserem Reporterteam. G. trägt eine Jack-Wolfskin-Funktionsjacke ("Modell: Eifel-Tristesse"), eine bügelfaltenreine Jeans und hält eine Tüte mit zwei Mohnbrötchen und einem Dinkel-Ciabatta krampfhaft fest.
„Ich bog um die Ecke und plötzlich stand ich zwischen drei Funkenmariechen und einem zwei Meter großen Plüsch-Döner. Ich wollte mich durchdrängen und rief laut: 'Haben Sie keine Arbeit? Es ist Mittagsruhe! Gehen Sie mir aus der Sonne, Sie alkoholisierten Pappnasen!'“
Genau dieser Satz sollte sein Schicksal besiegeln. Anstatt Platz zu machen, brach die Menge in Jubel aus. „Es war elektrisierend“, berichtet Zeugin Sybille K., die als ‚Sexy Scholz‘ verkleidet war. „Diese Authentizität! Dieser pure Hass in seinen Augen! Ich dachte sofort: Das ist kein normales Kostüm. Das ist Method-Acting auf dem Niveau von Klaus Kinski.“
Die Analyse: Warum Beige das neue Bunt ist
Prof. Dr. Hans-Jürgen Schunkel, Lehrstuhlinhaber für Angewandte Fröhlichkeitsforschung an der Universität Bonn, war zufällig vor Ort und fungierte als Vorsitzender der Jury. Er erklärt das Phänomen Torsten G. wissenschaftlich:
„Wir erleben im Karneval 2026 eine Sättigung des Exzessiven. Jeder ist bunt, laut und glitzernd. Torsten G. hat mit seiner Darstellung des ‚Wutbürgers‘ den sogenannten ‚White-Collar-Kontrast‘ geschaffen. Seine Weigerung, zu lächeln, selbst als man ihm Konfetti in die Kapuze kippte, war eine brillante satirische Spiegelung der deutschen Seele. Die beige Windjacke symbolisiert dabei die emotionale Kältewüste des Spätkapitalismus, während das Mohnbrötchen für die fragile Kruste unserer Zivilisation steht. Einfach Weltklasse.“
Dass Torsten G. während der Laudatio mehrfach versuchte, das Ordnungsamt per Kurzwahl zu erreichen, wurde vom Publikum als Teil der Show interpretiert. „Wenn er ins Handy schreit 'Holen Sie mich hier raus, hier sind überall Irre!', dann läuft einem das kalte Schauer den Rücken runter. So viel Hingabe zur Rolle sieht man selten“, so Schunkel weiter.
Auf dem Wagen wider Willen
Die Situation eskalierte, als die lokale Karnevalsgesellschaft „Die lustigen Leberwerte e.V.“ den wehrenden Buchhalter kurzerhand auf ihren Prunkwagen hievte. „Ich habe mich am Geländer festgeklammert und wild um mich getreten“, gibt Torsten G. zu Protokoll. Unten auf der Straße jubelten die Massen.
Ein Sprecher des Vereins kommentierte begeistert: „Er hat die Kamelle nicht geworfen, er hat sie den Kindern aggressiv an den Kopf gepfeffert. Dabei schrie er Dinge wie 'Das verursacht Karies!' und 'Wer soll das alles wegfegen?'. Pädagogisch wertvoll und unglaublich lustig. Die Leute haben sich fast nass gemacht vor Lachen.“
Über vier Stunden fuhr G. auf dem Wagen mit. Seine Fluchtversuche wurden als artistische Einlagen gewertet. Als er schließlich erschöpft kapitulierte, drückte man ihm einen Wanderpokal in die Hand (eine lachende Currywurst aus Bronze) und ein Fünf-Liter-Fass Kölsch.
Die Wende: Das Stockholm-Syndrom des Karnevals
Gegen 17:00 Uhr trafen wir Torsten G. erneut. Die Wandlung war unübersehbar. Die Funktionsjacke hing schief, das Mohnbrötchen war halb gegessen, und in seinen Augen lag ein glasiger Glanz, der nicht mehr nur von Wut zeugte.
„Wissen Sie“, lallte G., während er versuchte, einen Laternenpfahl zu bützen, „wenn man das logisch durchkalkuliert... also rein betriebswirtschaftlich... ist der Return on Investment bei drei Promille gar nicht so schlecht. Die Leute hier sind zwar alle bekloppt, aber sie haben mir umsonst Flüssignahrung gegeben. Ich überlege, ob ich das nächstes Jahr wieder mache. Vielleicht als Steuerfahnder. Da gucken die Leute auch immer so angstvoll.“
Warnung an Nachahmer
Der unerwartete Erfolg des „Anti-Clowns“ hat bereits erste Trittbrettfahrer auf den Plan gerufen. Die Polizei warnt jedoch davor, das Konzept unvorbereitet zu kopieren. Polizeisprecher Rainer Zufall:
- Authentizität ist alles: Wer nur so tut, als sei er schlecht gelaunt, aber beim Lied "Die Hände zum Himmel" versehentlich mit dem Fuß wippt, wird sofort enttarnt.
- Kleiderordnung: Ein echtes "Spießer-Kostüm" erfordert Kleidung, die mindestens seit 2014 nicht mehr modisch war, aber "praktisch noch gut ist".
- Gefahrenlage: Wer zu überzeugend "Nein!" schreit, könnte versehentlich zum Präsidenten eines Kleingartenvereins gewählt werden.
Ausblick
Torsten G. ist mittlerweile sicher zu Hause angekommen, hat aber angekündigt, am Aschermittwoch eine schriftliche Beschwerde einzureichen. „Das gehört zum Character-Building“, zwinkerte er unserem Reporter zu – oder es war ein nervöses Zucken.
Die Karnevalsgesellschaft hat indes reagiert: Für den Rosenmontag im nächsten Jahr plant man bereits einen eigenen Themenwagen für ihn mit dem Titel: „Das Finanzamt tanzt“. Torsten G. hat bereits angekündigt, diesmal rechtliche Schritte einzuleiten – die Fans können es kaum erwarten.
Dieser Artikel erschien zuerst in der Rubrik „Logikfehler & Konfetti“ auf paulik-reisch.de.
Teilen und weiterlesen
Teilen Sie diesen Artikel, um den Rest des Inhalts sofort freizuschalten.
Warum eine Wall?
- IMMER kostenlos
- IMMER werbefrei
- IMMER öffentlich zugänglich
- IMMER (hoffentlich) lustig
- IMMER unabhängig geschrieben
- IMMER ohne Tracking-Exzesse
- IMMER mit Herzblut gemacht
- IMMER mit einer Prise Wahnsinn
- IMMER auf der Seite des Lesers
- IMMER gegen den Strom
- IMMER ein Grund zum Schmunzeln
- IMMER ehrlich (manchmal zu sehr)

