Etikette

Wie löffelt man die Suppe richtig aus?

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Paulik & Reisch

Satire-Magazin

Hören Sie auf, den Teller anzubeten: Warum Sie essen wie ein Dreijähriger Es ist ein Mittag der Schande. Wer in deutsche Kantinen blickt, sieht keine Zivilisation, sondern die Kapitulation vor der Tomatensuppe. Der Löffel wird geschaufelt, der Kopf gesenkt, die Würde verloren. Eine Abrechnung mit den biomechanischen Defiziten des Mittelstandes.
Eine Person, die mit Stäbchen in der Suppe rumstochert

Schauen Sie sich um. Trauen Sie sich. Gehen Sie in eine beliebige Kantine, ein Brauhaus oder – Gott bewahre – auf eine Hochzeit der unteren Mittelschicht. Was sehen Sie? Sie sehen Menschen, die den aufrechten Gang für die Dauer einer Vorspeise komplett verlernt haben. Sobald eine warme Flüssigkeit den Tisch berührt, verwandelt sich der Bildungsbürger in eine hydraulische Schaufelmaschine. Es ist Zeit, über Suppe zu reden. Nicht über den Geschmack (meistens Maggi), sondern über das Massaker, das Sie anrichten, wenn Sie versuchen, sie zu essen.

Das Drama beginnt, noch bevor der Löffel die Oberfläche der Brühe penetriert. Der Durchschnittsser, nennen wir ihn hier Sören-Malte (Projektmanager, Funktionsjacke), vertraut seiner Hand-Mund-Koordination nicht. Deshalb bringt er den Mund zur Suppe. Er klappt zusammen wie ein billiger Campingstuhl. Der Kopf schwebt fünf Zentimeter über dem Fettauge, die Nase inhaliert den Dampf direkt.

Meine Damen und Herren, Sie essen eine Flädlesuppe, Sie entschärfen keine Fliegerbombe! Sitzen Sie gerade! Das Essen muss den beschwerlichen Weg hinauf zu Ihrem Gesichtserker antreten, nicht umgekehrt. Wer sich zum Essen hinabbeugt, signalisiert Unterwerfung. Er sagt dem Teller: „Du hast gewonnen, ich bin nur ein Wurm, der Hunger hat.“ Das ist keine Nahrungsaufnahme, das ist Futterneid in Reinkultur.

Kommen wir zum Löffel selbst. Die meisten nutzen ihn wie eine Schippe im Sandkasten, um hastig Baumaterial zu bewegen. Der Löffel wird mit gierigen Bewegungen zum Körper hin gezogen. Zack, zack, zack – rein in den Schlund, als würde man befürchten, der Tischnachbar klaut gleich den Eintopf.

Dabei weiß jedes Kind mit Internats-Vergangenheit: Man löffelt vom Körper weg. Ja, das fühlt sich unnatürlich an. Ja, das Risiko, dass die Brühe auf die Krawatte tropft, steigt exorbitant. Aber genau das ist der Witz: Es ist eine Demonstration der Todesverachtung. Wer vom Körper weglöffelt, sagt der Welt: „Seht her, ich habe so viel Zeit und Eleganz, ich schicke die Suppe erst einmal auf eine kleine Reise, bevor ich sie mir einverleibe.“ Das Weg-Löffeln ist pure Arroganz. Und genau deshalb ist es richtig.

Nun zum Härtetest. Der Service ist, wie überall in Deutschland, eine Katastrophe. Sie bestellt eine klare Brühe, der Kellner (der im Nebenjob vermutlich DJ ist) bringt Ihnen Messer und Gabel.

Der Pöbel greift jetzt zur Tasse und trinkt. Halt! Stopp! Setzen Sie das Porzellan sofort ab! Sie sind hier nicht beim Après-Ski. Wenn Sie trinken, haben Sie verloren. Sie haben zwei Optionen, die beide würdelos sind, aber zumindest Charakter beweisen:

  1. Das Moby-Dick-Manöver: Sie nutzen die Gabel, um gezielt feste Bestandteile zu harpunieren. Ein Stück Möhre hier, ein Markklößchen da. Die Flüssigkeit wird ignoriert. Sie lassen 80% des Gerichts zurück. Das ist verschwenderisch, dekadent und zeigt dem Kellner auf subtile Weise, dass er versagt hat.
  2. Die Molekular-Benetzung: Sie tunken die Gabel ein, ziehen sie heraus und lecken den mikroskopischen Film ab, der am Metall haftet. Das dauert etwa sechs Stunden, bis der Teller leer ist. Aber hey, wer schön sein will, muss leiden.

Was Sie niemals tun dürfen: Brot nehmen, eintunken und das vollgesogene Teigstück in den Mund schieben. Das nennt man „Stippen“, und das ist in etwa so erotisch wie Socken in Sandalen. Wer stippt, hat die Kontrolle über sein Leben endgültig verloren.

Warum müssen Suppenesser eigentlich immer klingen wie eine defekte Abwasserpumpe? Schlürfen ist kein Kompliment an die Küche, es ist Körperverletzung am Sitznachbarn. Schlürfen passiert, weil Sie zu gierig sind. Sie ziehen Luft mit ein, um die zu heiße Suppe im Mund zu kühlen.

Es gibt Leute, die pusten ihren Löffel an, als wollten sie eine Geburtstagskerze ausblasen. Dabei verteilen sie einen feinen Nebel aus Spucke und Tomatenmark über den gesamten Tisch. Das ist bioterroristischer Wahnsinn.

– Jean-Luc Voisin, Experte für Tischmanieren

Lassen Sie das Pusten. Haben Sie Geduld! Wenn die Suppe zu heiß ist, warten Sie. Nutzen Sie die Zeit, um über Ihre schlechte Haltung nachzudenken. Pusten ist etwas für Kleinkinder und Leute, die klatschen, wenn das Flugzeug landet.

Wenn der Teller fast leer ist und das Geräusch von Metall auf Keramik (krrrrtz, krrrrtz) durch den Raum hallt, kommt der Moment der Wahrheit. Kippen oder nicht kippen?

Die Mittelschicht kippt. Sie will auch noch den letzten Cent, den sie für die Kartoffelsuppe bezahlt hat, extrahieren. Und wohin kippt sie? Natürlich zu sich hin! Damit der Restschlabber auch garantiert auf der Hose landet, wenn man abrutscht. Ein Wahnsinn.

Der Profi kippt den Teller leicht vom Körper weg, fischt graziös noch einmal durch die Mulde – und lässt den letzten Rest drin. Ja, lassen Sie einen Anstandsrest übrig! Das signalisiert dem Universum: „Ich bin satt, ich bin reich, ich brauche diese drei Tropfen Brühe nicht zum Überleben.“ Nichts riecht so sehr nach Verzweiflung wie ein ausgekratzter Teller, der sauberer aussieht, als er aus der Spülmaschine kam.

In diesem Sinne: Kopf hoch, Löffel raus, Haltung bewahren. Und wenn gar nichts mehr hilft: Bestellen Sie beim nächsten Mal einfach ein Steak. Da können Sie wenigstens unauffällig die Hände benutzen, wenn keiner guckt.

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